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Bei Oma

Bei meinem Vater nahm ich das hinterste Kämmerchen und wehrte mich gegen die Integrationsversuche in die Familie. Bei meiner Oma saß ich jedoch oft direkt in der Stube am Tisch und chattete dem Tag hindurch oder spielte Kleinkram an Laptop oder Nintendo-Konsolen. Meine Mutter hatte mir jahrelang Versprechungen gemacht, zu ihr ziehen zu können und hielt diese locker zwölf Jahre aufrecht bis ich begriff, dass sie niemals gehalten werden würden. So zog ich mich vom Angriff gegen die Freundinnen meines Vaters in die Passivität zu Oma zurück. Da sie stets zu mir hielt, war es nicht mehr Vaters gegen Mutters Seite, sondern Oma und ich gegen alle anderen in der Familie.

 

Am Tag meiner Volljährigkeit erschien ich dann nicht bei meinem Vater, da dieser meine Pläne mit einem zeitlichen Diktat verändern wollte und ich durch mangelnde Kompromissbereitschaft nicht dazu überredet werden konnte, meinen Standpunkt auch nur einen Millimeter zu verlassen. Auch wenn ich nur für mich und nicht bewusst gegen irgendjemanden handelte, warf man mir Planung und seelische Vernichtungsfantasien vor. In resultierender Diskussion ging es um Dreistigkeit, ums Ausnutzen, Wertlosigkeit, das böse Blut der Mutter, fehlende Reue, Paranoia und dass eine Menge Gewalt in der Erziehung gefehlt hätte. Ich zog infolgedessen zu Oma, welche allerdings betonte, dass ihr Leben durch mich unruhig wurde und meine Eltern sich niemals hätten kennenlernen sollen. Sie meinte diesen Kommentar garantiert nicht böse, aber er reihte sich in ein Portfolio des Nichterwünschtseins ein. Das stärkte mein "Ich gegen die Welt"-Gefühl, welches zeitweise zu einem "Nimm was du kriegen kannst und gib nichts wieder her" wurde. Familie hatte für mich keine Bedeutung.

 

Bei Oma fühlte ich mich zwar wie "auf der Durchreise", aber auch freier als je zuvor. Während die beiden Jahre nach der Realschule nach all den zerstörten Familienbeziehungen daheim weiterhin quälend verliefen, hatte ich bei Oma viel mehr Freiheiten und besuchte infolgedessen auch keine Berufsschule mehr. Ich schnupperte politisch mal nach links und mal nach rechts und blieb letztlich links hängen. Dazu schnupperte ich vom Auftreten her hinein in Cosplay, Mittelalter, über Androgynität hin zu Jugendlichkeit, Nerdy, Visual Key, Emo und schließlich fand ich etwas dazwischen für mich als persönlichen Stil. Religiös hatte ich mir auch zum ersten Mal meine Vorstellungen gemacht. Omas nahezu grenzenlose Ressourcen und ihre Bereitschaft alles auszugeben, um nichts zu hinterlassen, weckten in mir eine Verschwendungssucht, welche anschließend nur schwer wieder abzubauen war.

 

Die freie Zeit nutzte ich nicht nur, um tausend Mangas zu lesen, Animes zu schauen und Messen zu besuchen. Ich las Werke von Michael Mary, Eckhart Tolle, Robert Betz, Rolf Merkle, Anais Nin, Bernhard Moestl, Marshall B. Rosenberg, Osho, Byron Katie, Stephen Hawking, Richard A. Knaak, Vera Birkenbihl und vielen mehr. Das weitete meinen Blick auf die Welt.

 

Nach achtzehn Jahren der Isolation verabredete ich mich endlich mit Menschen und aus der passiven, observierenden und kuschenden Haltung meiner Kindheit heraus bildete ich gegenüber meiner Umwelt neben Höflichkeit, Humor, Nettigkeit und Toleranz eine starke Gabe der Harmonisierung heraus, wodurch mich nahezu jeder Mensch als überaus angenehm empfand, den ich im Folgenden traf. Auch wenn meine Kindheit mich innerlich bluten ließ, so war dies der Anlass, mich dieser Welt zu widmen, die ich nicht verstand. Ich wollte die Grausamkeit verstehen, um vor ebendieser gefeit zu sein und so erreichte ich erst die Tiefe und die Qualität von Erfahrung und Verständnis für die Welt, die ich mir heute zuschreibe. Ohne den Trigger düsterer Vergangenheit wäre meine Entwicklung "normal" verlaufen und ich wäre ins Leben gestartet, ohne zu hinterfragen, ohne ernsthaft zu leben, ohne wirklich zu sehen. Ich bin diesem unangenehmen Start also dankbar.

 

Doch Oma wurde krank und ich übernahm die persönliche Pflege. Auch blieben Hausarbeit, Gartenarbeit, Einkäufe und ihre Medikation ebenfalls liegen. Die zugesicherte Betreuung war gerade einmal morgens für eine Stunde anwesend. Da ich ohnehin noch aufgrund meiner diffizilen Kindheit sondermedizinisch beurlaubt war, konnte ich problemlos die Pflege übernehmen und im Zuge dessen gewährte meine Großmutter mir auch Vollmacht über die Finanzen. Während dieser Zeit konsultierte ich zum ersten Mal freiwillig eine Psychotherapeutin, wodurch ich meine Kindheit besser zu reflektieren lernte. Die überwältigende Flut an negativen Emotionen bedeckten das Ich-Empfinden und das Licht dieser Welt wie ein dumpfer trübgrauer Schleier aus Angst und Asche von den Schlachtfeldern alter Kriege, welche ich meine Kindheit hindurch schlagen musste.

 

In den drei Jahren bei meiner Oma machte man mir meine Außenseiterposition klar und setzte mich unter Druck, etwas für mein Leben leisten zu müssen. Man verdeutlichte mir eine angebliche Grundschuld. Ich versuchte mich wieder aus allem herauszuhalten, doch es gab Klagen über Unterhalt, ein schriftliches Verbot, der Hochzeit meines Vaters mit meiner Stiefmutter beizuwohnen und einige Versuche, die Kontrolle über mich wiederzuerlangen. Geschenke kamen unkommentiert zurück und mir gegebene Rechte verknüpfte man mit Bedingungen. Da ich das Kind war, hielt meine Familie zu meinem Vater, welchem ich mich unterzuordnen hätte. Außerdem erkannte man weder meine Leistungen an, noch erkannte man die Last, die auf mir lag. Das fand ich unfair. Doch mit Omas ablaufender Lebensuhr lief auch die Zeit ab, in der ich aufgefangen werden konnte und eine Festung hatte. Ich musste das Haus verlassen und selbst eine Bleibe finden.

 

Als ich bei meiner Oma lebte, beschäftigte ich mich mit vielen Dingen. Mein Problem war fehlender Fokus. Alle Hobbies wurden schnell fad und kein Interesse war ernsthaft genug, um es als Berufung in Betracht zu ziehen. Dazu war auch der Druck auf mir zu hoch. In einer Welt aus Schatten hatte ich nicht durchblicken können, was meine Berufung hätte sein können. Auch wenn ich bereits viel wusste, so war mir die Welt doch fremd. Die leeren Versprechungen meiner Mutter nahmen mir Stabilität. Die Fluchten zu meiner Oma nahmen mir Pflichtbewusstsein und jugendlichen Schwung. Erfahrene Ablehnung in Verbindung mit einem Kämpfergeist machten mich egozentrisch und schürten Kontaktängste. Ich entwickelte das Bedürfnis von Selbstdarstellung ohne einen Hauch Kritikfähigkeit. Das waren meine Malus.

 

Es schien also, als wäre ich nicht gesellschaftsfähig, doch ich lernte, dass man sich immer neu entscheiden kann. Durch all die angestaute Negativität lief ich Gefahr, in ähnliche destruktive Muster zu fallen, doch ich tat es nicht. Als Oma am Ende ihres Pflegebedarfs verstarb, erlebte ich die letzten sechs Tage im Krankenhaus nicht mit ihr, da ich energetisch am Ende war. Ein Umstand, den ich mir bis heute kaum verzeihen kann, denn die letzten Momente sind nicht ersetzbar. Dennoch tat ich immer, was ich konnte. Auch wenn ich mich dank aller inneren Mauern von Emotionen befreit wähnte, weinte ich 2014 oft. Allerdings nur für mich, nach außen blieb ich eine Statue.