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Im Pott

 

Das erste und das zweite Licht

 

In den folgenden Monaten lebte ich in einem Haus, welches entrümpelt und renoviert wurde. Ich erlebte mit, wie das letzte bisschen Vertrautheit in dieser Welt wich und man bürdete mir immer mehr auf, ohne meine Leistungen wirklich anzuerkennen. Viele Umstände habe ich lange Zeit nicht begriffen und gefühlt musste ich mich dauernd gegen meine Umwelt wehren. Ich war trotz aller Probleme von Oma behütet gewesen und in dem Moment, in dem all der neuerliche Widerstand und die Herausforderungen eines eigenbestimmten Lebens mir wie die salzige Gischt eines herannahenden Sturmes auf hoher See entgegen schlugen, wusste ich nicht, ob ich dem gewachsen sein würde. Beständigkeit ist eine menschengeschaffene Illusion in einer Welt, in der Veränderung die einzige Konstante zu sein scheint. Man kann sich adaptieren oder leiden. Alles geschieht aus Gründen, nicht aus gut oder böse. Des einen Menschen Gut ist des anderen Böse. Sinn oder Ziel müssen nicht gesucht werden, denn beides kann bereits in uns gefunden werden, wo es schon wartet. Diese Erkenntnisse kamen mir in Bruchstücken, doch es sollte noch dauern, bis ich den vollen Umfang begriff. Doch ein erster Lichtstrahl ward mir erschienen.

 

Früher schon stellte ich Diashows her, manipulierte Spiele und schrieb eigene kleine Stories, aber nach Omas Tod explodierte mein Tun. Kurzgeschichten, Buchideen, Aufbereitung von Drittanbieter-Content, eigene Spiele-Projekte, Vlogs, Wissensvideos, Let‘s Plays, Streams, Unterhaltung, Websiten, (…). Ich füllte meine Leere mit Beschäftigung und zerstreute mich in jeder freien Sekunde mit YouTube. 7.000 bis 20.000 Videos sind pro Jahr locker zusammengekommen. Mein Potential würde verschwendet, so hörte ich oft. Doch auch wenn der große Erfolg ausblieb, ich machte immer weiter, da es sich gut anfühlte, so abgelenkt zu sein. Ich hatte Schulden, ich trank viel Wein, ich probierte auch Amphetamine aus und musste schnorren. Aber ich fing mich, trug die Schulden ab und bin seit 2015 drogenfrei. Mir verschriebene Psychopharmaka nutzte ich nicht, ich wollte es selbst schaffen.

 

Im Internet lernte ich Menschen kennen und folgte ihnen auf dem Fahrrad in den Ruhrpott, bezog eine heruntergekommene Wohnung und isolierte mich, wie ich es gewohnt war. Soziale Erfahrungen machte ich in Subkulturen, welche oberflächlich, manipulativ und hedonistisch waren. Ich genoss die Gelage und die fremden Leute, die einem so nahe wirkten. Natürlich auch all den Zuspruch. Ich wusste mich ins Zentrum der Blicke zu bringen und meine Erfahrungen halfen mir das Schlechte ans Licht zu tragen. Diese Eigenschaft machte mir Hunderte zum Feind, sodass die nächsten sozialen Kriege in den Subkulturen ausgetragen wurden, aus denen ich nach einem halben Jahr also direkt wieder ausbrach und zu meiner Isolation zurückfand. In den Subkulturen war es das Ziel der meisten, durch die Probleme der anderen vom eigenen unangenehmen Weg abzulenken. Ein Alter Ego unterstützte diesen Weg. Ich bot genug Angriffsfläche, aber wenigstens nehme ich viele spaßige Abende, Unbekümmertheit und den Start ins alleinige Wohnen an Erfahrungen mit. Es war ein Abenteuer, welches ich nicht aus meiner Biografie streichen mag.

 

Im März 2015 hatte ich eine zweite Welle der Erleuchtung, welche mich die Ruinen meiner Kindheit klar erkennen ließ. Ich erkannte, wie ich das Recht durchsetzen wollte, die neuen Freundinnen meines Vaters niemals als Familienmitglieder anzuerkennen. Ich erkannte, wie Oma mich vor Konfrontationen bewahrte und was zu was führte. Ich erkannte meine Wut als solche an und fühlte mich stets in meiner Privatsphäre und meiner Art, wie ich leben wollte, eingeschränkt. Ich erkannte, wie ich meiner Mutter hinterherlief, dass unser Kontakt alleine auf meinen Schultern lag und dies bereits andauerte, seit ich vier Jahre alt war. Sie sagte stets, sie kämpfe um mich. Doch Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Klarheit waren nicht gegeben. Ich laste es ihr nicht mehr an, denn sie wollte bestimmt eine gute Mutter sein, konnte es aufgrund der eigenen Last aber einfach nicht erbringen. Der Kontakt brach damals ein und ich dachte viel nach. Man warf mir vor, nicht genug Liebe und Interesse zu zeigen und mich nicht genug zu kümmern. Kümmern? Wer war hier das Kind? Mit Mama konnte man trinken, klauen, Horrorfilme schauen und lachen, aber sie war mehr eine punkige Freundin als eine Mutter. Aufgrund der Verlustangst war ich als Kind nahezu besessen davon, ihr zu gefallen, stellte jedes ausgefallene Haar in einen Hausaltar und nahm ihre ablehnende Haltung gegenüber meinem Vater unhinterfragt an. Leere Versprechungen schufen mir das Luftpolster hin zu Luftschlössern, sodass ich den Boden selbst heute noch kaum spüren kann.

 

Omas Tod, der Umzug in die Bruchbude, eine gescheiterte Beziehung, geplatzte neue Sozialkontakte und dann die Aufarbeitung meiner Kindheit. Die Zeit verlangte mir viel ab, doch ich durchbrach die finstere Kette der Generationen vor mir und verzieh. Den Reuigen darf man das um ihretwillen, den Reuelosen um des eigenen Friedens willen. An Omas erstem Todestag 2015 habe ich die letzten Dinge aus der alten Heimat abgeholt und dabei einige Themen mit meiner Familie geklärt, auch wenn meine Stiefmutter noch sehr reserviert mir gegenüber eingestellt war. Ich war nicht länger der Ping Pong Ball mit dem Mutters Seite und Vaters Seite ihr emsiges Spiel führten. 2015 blieb es beim Aufarbeiten meiner Kindheit, bei sozialstärkenden Maßnahmen und einem Praktikum in einer Buchhandlung, um den Arbeitsmarkt überhaupt mal wieder zu spüren. Auch zog ich in ein grüneres und gehobeneres Viertel und fand endlich nette Nachbarn und fühlte mich wohl - in einer neuen Festung.

 

 

 

Das dritte Licht

 

2016 stellte ich meine Fähigkeiten unter Beweis und startete eine Ausbildung, welche ich nach wenigen Monaten wegen einer depressiven Phase allerdings wieder abbrechen musste. Ich war einfach noch nicht so weit und ging ins Fachliche, ohne mit den alten Emotionen abgeschlossen zu haben. Die Ausbildung zu verlieren, für die ich zuvor kämpfte, hatte mich nicht gerade bestärkt.

 

Ich absolvierte eine Verhaltenstherapie, bekam psychosoziale Beratung von der Caritas und eine Mitarbeiterin vom ambulant betreuten Wohnen schaute einmal die Woche vorbei. Dazu besuchte ich die alte aktivierende Maßnahme wieder, welche mir allerdings wenig weiterhalf, da die Leitung die Teilnehmer primär zur Schaffung einer "Gerüchteküche" missbrauchte, die eigene fehlende soziale Bindungen kompensieren sollte. Ein sich wandelnder enger Kreis, Instrumentalisierung von Schutzbefohlenen, sich durch Lästereien profilierende Narzissten, Intrigen: Die Maßnahme war kein großer Erfolg, aber es konnte mich nicht weiter runterziehen, da ich eine gesunde Distanz zum dort erlebten aufbaute. Dank mangelndem Datenschutz hatte man mich viel zu sehr in die internen Probleme integriert und im Alltag lebte ich einen mehr oder weniger gesunden Eskapismus. Diese Erfahrung hat mich allerdings ebenfalls nur gestärkt.

 

Auch wurde ich bestohlen und lernte loszulassen. Das war 2017 dann mein Thema. Ich habe aussortiert. Um die zwanzig Internet-Profile starben und mein Webauftritt wurde umgekrempelt. Ich sortierte Kontakte, YouTube-Abo-Listen und To-Do-Listen aus. Einige Projekte brachte ich für mich zu Ende und beließ nichts Belastendes mehr in der Schwebe. (Auch wenn ich angenehme Themen ebenfalls nicht länger als unbedingt nötig schweben lassen mag.) Ich übte wieder ein Praktikum aus und besuchte nach 2,5 Jahren endlich wieder meine Familie. Diese Aussprache war wohltuend und nun empfand ich zum ersten Mal wirklich, dass wir wieder auf der "Plusseite des Lebens" standen - zum ersten Mal, seit ich erinnern kann. Es tat gut meine Heimat wieder zu erleben, wo seither so viel in mir geschehen war. Das Aussortieren begann, nachdem die Therapie im März 2017 begonnen hatte und dauerte bis Jahresende an. Nun bin ich so geordnet, dass ich etwas aus meinem Leben machen kann. Ich bin emotional so aufgeräumt, dass ich an nichts Fachlichem mehr zerbrechen kann.

 

Mein Plan blieb die Informatik. Das SAE Institut war mein erster Anlaufpunkt. Dort war es objektorientiert, projektorientiert, selbstverantwortlich, modern, betreut und es gab Angebote eines Austauschs nach Oxford. Ein Abitur war nicht vonnöten. Der Preis war jedoch selbst zu zahlen und da spielte das Amt aufgrund mangelnder Sicherheit nicht mit, auch wenn die Perspektive bombastisch gewesen wäre. Die Unterhaltungsbranche in Bezug auf Informatik ist zig Milliarden schwer, allein in Deutschland. Der Markt wächst jährlich um einige Prozentpunkte. Die fachliche berechenbare Informatik kombiniert mit der Chance zu unterhalten und zu lehren: Das klang nach einem Traum. Ich kann mich durchaus selbst beschäftigen, aber es wäre schön, wenn ich Wellen schlagen könnte in diesem Ozean des Lebens. Beim SAE klappte die Finanzierung schlussendlich nicht und meine Tests absolvierte ich auf einer IT-Akademie mit "sehr gut". Ich wurde lange hin und her empfohlen, sah in meiner Kindheit Arbeit per se als Strafe an und saß nun mit 24 Jahren noch immer ohne abgeschlossene Ausbildung daheim. Das machte es vielleicht nicht einfacher, änderte aber nichts am Ziel.

 

Dennoch waren die ersten Erfahrungen in der Ausbildung nicht rosig. Die Themen waren Müdigkeit, zu enge Regeln, zu langes Pendeln, viel Eigenverantwortlichkeit und Kompromissbereitschaft. Ich erkannte, dass ich mein altes Leben nicht aufrechterhalten konnte, wenn daneben ein neues volles Leben hinzukommt. Daher war das Aussortieren für alle folgenden Schritte notwendig. Nach einem so vollen Tag hat man abends kaum mehr die Energie, noch etwas Anderes zu tun. Das störte mich damals enorm. Zusätzliche Hausaufgaben waren nicht möglich, außer ich würde nahezu alles Andere auf der Strecke lassen. Dadurch entstand eine Teilung von Arbeit und Leben, welche so niemals entstehen darf, da sie automatisch eine Seite abwertet.

 

Trotzdem ich nicht gemütlich und einfach zu händeln war, meinte mein Lehrer, ich wäre mehr als geeignet und der Standortleiter sicherte mir noch vor den Prüfungen zu, direkt grünes Licht zu geben. Das Bindeglied beim Amt meinte, dass es hart werde, doch ich sagte "Wir sehen uns wieder, wenn ich es geschafft habe." Und anschließend sagte ich "Wie ich Ihnen prophezeite." Ich beeindrucke nicht mit Fügsamkeit oder Zurückhaltung, sondern mit Ausstrahlung und Leistung. Das Amt erkannte meine Fähigkeiten zwar an, nahm mir die versprochene Ausbildung beim SAE allerdings wieder vor der Nase weg. Man sagte, ich dürfe mich wegen meiner Fähigkeiten selbst um meine Zukunft kümmern. Doch war das SAE versprochen, würde ich das Praktikum nur durchstehen. Nach meinem Probemonat an der IT-Akademie sollte mir diese dann auch noch wieder verwehrt bleiben. Da spielte ich allerdings nicht mehr mit. Nach dieser Hiobsbotschaft sah ich "Zoomania" im Kino an und der Song "Try everything" motivierte mich.

 

Ich ging selten den direkten Weg der Konfrontation, aber ich wehrte mich um Ecken. Ich holte Informationen ein, dosierte meine Mühen klug, schickte Beschwerden, setzte einen lieben Blick auf und bekam am Ende meinen Willen. Auch wenn die Ausbildung nichts wurde, habe ich viele Erfahrungen gemacht und wieder dazugelernt, wie ich mich in Zukunft besser motivieren kann. Ich muss die mir aufgetragenen Aufgaben nehmen und mir selbst motivierende Beispiele schaffen. Es ist schwer sich komplett umzukrempeln, aber ich weiß nun, worauf ich achten muss, damit mich nicht wieder irgendwelche Norm-Sklaven aus der Ausbildung ekeln wollen und mich unverarbeitete Thematiken von mir einholen.

 

Ich bin mehr ein Denker, denn ein Macher. Das klingt negativ, aber ich habe verstanden, dass meine Fantasie grenzenlos ist und ich dadurch zu viele Ideen bekomme, in denen ich mich dann oft verliere. So war "Homo sibi comparat sapientiam in terra mirabili" lange mein Motto. Der Mensch erlangt Wissen im Wunderland. Wir müssen uns eine Zukunft erstmal vorstellen und andere ungeahnte Wege einschlagen, um etwas Neues, etwas Großes zu ergründen. Da mich alle exoterischen und esoterischen Wissenschaften interessieren, konnte ich meinen Blick aus dem eigenen Haus heraus in die Welt ständig vergrößern und hoffe, dass meine Filter an den Fenstern möglichst rein sind, um eine ungetrübte, möglichst wenig gefilterte Sicht auf das Außen zu bekommen. Denn wir sehen die Welt meist nur so, wie wir selbst ticken.

 

Mein Künstlername wandelte sich in der Kindheit nahezu wöchentlich, wie ein eigener Charakter in einem Rollenspiel. Seit 2012 trage ich Kitsunaki – den Herbstfuchs – im Netz als Namen. Der Fuchs ist einfach ein Gefühl, mein Krafttier und im spirituellen Sinne passt er sehr gut zu mir. Eigenschaften des Fuchses sind Nachtaktivität, Passivität, Feingefühl, Raschheit im Geiste, Gerissenheit, Rationalität, Offenheit, Neugierde und Zentriertheit. Als Seelentier verschleiert er die Persönlichkeit, poliert Selbstwert auf und weist auf Umstände hin.

 

Ich weiß nicht, wo der Weg mich hinführen wird, aber ich bin bereit ihn zu gehen. Es ist nicht wichtig, wie schnell oder geradlinig wir vorankommen, solange wir nur nicht stehen bleiben. Es gibt Pläne und ich werde Dinge probieren und neue Erfahrungen machen. Das Jahr 2017 erkenne ich als drittes Licht an, denn zum dritten Mal habe ich einen Wink bekommen, wie ich mein Leben so verändern darf, dass ich gestärkt nach vorn gehen kann. Fokus kann Licht dazu verstärken ein Feuer zu entfachen und so ist es auch im Leben. Fokus lenkt die Energie auf unsere Lebensthemen und wir entscheiden, ob es die Themen sind, die uns voranbringen können.