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Kindheit

Nachdem meine Mutter sich in meiner jüngsten Kindheit von meinem Vater trennte, wuchs ich bei ihm auf. Er hatte stets die Angst, dass das Brauchtum der jahrhundertelang nachgegangenen Landwirtschaft bei mir enden könnte. Außerdem bin ich das letzte Kind dieser Familie und auch das Weiterführen der Blutlinie könnte also mit mir enden. Der Familienzweig meines Vaters ist traditionell und baut auf ein nach außen gutes Erscheinungsbild. Die vielen beruflichen Projekte meines Vaters sorgten dafür, dass ich größtenteils bei seiner Mutter aufwuchs, welche nur eine Straße weiter fort wohnte.

 

Jeden Freitag besuchte uns die Schwester meines Vaters und wir fuhren großzügig einkaufen. Als verwöhntes Einzelkind wusste ich genau, wie lange ich nörgeln musste, bis ich bekam, was ich wollte. Später drückte man mir direkt die Hunderter in die Hand, um bei Amazon zu ordern. Meine Großmutter hielt ewig die schützende Hand vor mich, sodass ich mich jeder Pflicht entbinden konnte und um keine Konsequenzen bangen musste. Von ihr habe ich sicher meinen Sinn für Anstand und ohne sie hätte ich die Schule gar nicht abgeschlossen. So wie sie sich noch um die Buchführung des Hofes kümmerte, übernahm sie auch meine Hausaufgabenbetreuung bis in die Realschulzeit hinein.

 

Meines Vaters Bruder bemängelte stets, dass ich die Großzügigkeit meiner Oma zu sehr ausnutzen würde und hielt zu meinem Vater. Dieser versuchte mich autoritär, betont jungenhaft und bodenständig zu erziehen. Dem entzog ich mich allerdings stark. Ich wollte keiner Familie angehören, in der meine Mutter nicht Teil war. Mein Vater baute das Familienerbe weiter aus und Oma erwartete vergeblich Dankbarkeit für all die von ihr geleistete Unterstützung.

 

Meine Mutter konnte die neuen Freundinnen meines Vaters nie leiden und ermutigte mich stets, mich ihnen zu widersetzen. Sie hatte selbst eine alkoholkranke Mutter und einen prügelnden Stiefvater zu Hause gehabt. So wurde sie früh hinausgeworfen und war seither frei von Referenzen, Motivation und Perspektive. Sie führte ein nomadenhaftes, regelloses, unkonventionelles Leben und gab sich ebenfalls einem gewissen "Pegel" hin. Ihre vielen Schwestern verteilten sich im Land und gaben wenig auf Kontakt zu ihren Wurzeln. Der tratschende, untüchtige, zickige, hochmütige und genusssüchtige Blutanteil in mir sei schuld daran, dass ich mich nicht recht in die Gesellschaft einbringen konnte. So betete man es mir früher von Seiten des väterlichen Zweigs oft vor.

 

Meine Großmutter war gegen die Beziehung meiner Eltern gewesen und meiner Mutter waren die Sicherheit und der Überfluss nichts wert. Sie ging, weil sie sich nicht geliebt fühlte. Ich kann keine der zahllosen Geschichten von früher mit reinem Gewissen rezitieren, da ich nicht dabei war und sich zu viele emotional verzerrte Fronten gegenüberstehen. Meine Mutter fand einen neuen Partner und zusammen träumen sie vom großen Lottogewinn und einem gemütlichen Bierchen am Abend. Ich verurteile das nicht. Diogenes von Sinope sagte bereits, dass Gott nichts bedarf und der Göttlichkeit nahe käme, wer möglichst wenig bedarf. Minimalismus ist modern und auch ich übe mich immer wieder darin. Wenn sie ihre Lebensart genießen kann, gönne ich ihr das.

 

Nachdem meine Mutter die Familie verließ, hatte mein Vater durch die Jahre hinweg drei Freundinnen, auf die zwei Au Pairs folgten und mein Vater sich schließlich für eine Frau entschied, die er später auch heiraten sollte. Oma und ich glaubten allerdings nie daran und wetterten gegen die erneute Fiancée. Meine Mutter befeuerte meine Frustration über die zersplitterte Familie in der Weise, dass ich niemanden sonst annehmen wollte. Dadurch und durch meine soziale Isolation entstanden Probleme und ich flüchtete vor eben jenen stets zu Oma. Die Probleme waren psychischer Natur. Ich fühlte mich nicht erwünscht und als könnte ich mit keiner Tat eine positive Reaktion hervorrufen. Darum wurde ich verhaltensauffällig und war seit der Trennung meiner Eltern zusammengerechnet ungefähr acht Jahre in Therapie.

 

Körperliche Misshandlungen kann ich an beiden Händen abzählen, was es nicht minder unangenehm machte, angespuckt oder geschlagen zu werden. Sicher war ich lange einfach traurig, enttäuscht und verwirrt, aber die Schuld sucht ein Kind stets nur bei sich. Später machten sich Hass, Wut und Rachsucht breit und ich erlernte die nötigen psychologischen Techniken instinktiv, um mich für mein empfundenes Leid in Form von Zwietracht und Streichen zu revanchieren.

 

Während die Au Pairs bei uns wohnten, hatte ich die intensivste Psychotherapie und während der Zeit hatte ich sogar wieder Kontakt zu meiner Mutter, weil sie sich keinen Zickenkrieg mehr mit ihren "Ersatzmodellen" liefern musste. Ich erinnere mich, neben Mobbing wegen meiner Andersartigkeit, daran, nahezu täglich teils stundenlangen ernsten Gesprächen beigewohnt zu haben. Man erklärte mir meine Nichtsnutzigkeit, die Last meines Daseins und die Falschheit meines Lebensweges. Auch wenn ich nur zu Boden schauend daneben stand, ist es verwunderlich, dass ich nichts von alledem in mein Selbstbild aufnahm. Dafür waren meine Mauern zu hoch und da ich nichts aus meiner Familie annahm, konnte ich als "leeres Glas" in die Welt starten.

 

In einer hilflosen und von Wut zerfressenen Phase versuchte ich sogar einmal Kontakt zu Nazis aufzunehmen, um ein Ventil zu finden. Da meine Werte und Prinzipien heute allerdings dagegen sprechen, bin ich froh, dass dieser Versuch keine Früchte getragen hat.

 

Während eines fünfmonatigen stationären Aufenthaltes lernte ich, dass ich nicht falsch zu sein schien. Die Betreuer fanden mich so angenehm wie sonst kaum einen dortigen Patienten, meinten aber, dass ich in einer Konstellation wie der damaligen Familienverhältnisse unmöglich eine normale Entwicklung realisieren oder normales Betragen an den Tag legen könne. Diese Kommentare entfachten damals meine Wut nur umso mehr, heute habe ich jedoch Frieden geschlossen. Ich trage die Verantwortung für mein Denken und meine Persönlichkeitsbildung nun selbst. Wie Francis Drake schon mit sic parvis magna (lateinisch für "Großes aus kleinen Ursprüngen") aussagte, kann jeder alles erreichen, wenn der Wille stark genug ist. Oder ein wenig pathetischer: Die Wurzeln der schönsten Blumen liegen meist im Dreck.

 

Väterlicherseits gibt es keine weiteren Kinder in der Familie und Stiefgeschwister habe ich nie beachtet. Erst nach der Aussöhnung habe ich nun wieder Kontakt.